Industrial Blue [@paradeis.com] “Industrial Blue” ist eine Serie von manuell veränderten Pflanzen- und Landschaftsfotografien: Kleinbilddiapositive werden mit spitzen und scharfen Werkzeugen bearbeitet. Die fotografischen Schichten der Dias werden abgetragen, die technische Konstruktion der Farbe wird offengelegt. In digitaler Reproduktion entstehen schließlich großformatige Bilder. Mit der bildzerstörenden Geste, dem Abschaben und Abkratzen der fotografischen Schichten wird die Gegenständlichkeit der Bilder reduziert. Es wird ihnen Repräsentationsgewicht genommen. Der Eingriff erzeugt Bildhybride, die einerseits das spezifisch Fotografische der Bilder offenlegen, indem sie die technische Struktur der Fotografie, den synthetischen Aufbau ihrer Farbigkeit zeigen. Das Kernthema der Bilder ist die Fähigkeit des fotografischen Bildes, die Formen und Farben der realen Welt simulierend wiederzugeben. Es geht um die Suche nach dem Verhältnis dieser fotografischen Wirklichkeit zur Welt in direkter Sinneswahrnehmung. Dabei spielt die Farbe eine entscheidende Rolle: Die analytische Zerlegung der fotografischen Schicht zeigt, dass die fotografische Farbe nicht die farbliche Realität der Objekte simuliert, sondern einen korrespondiereden menschlichen Sinneseindruck. Die Ausgangsthese für diese Arbeit kann also folgendermaßen formuliert werden: Unser Umgang mit der Welt ist mehr geprägt von unserer Erfahrung mit der in fotografischen Bildern repräsentierten Welt, als von unserem direktem sinnlichen Umgang mit der Welt selbst. Ideegebend für die vorliegende Bilderserie war vor allem ein von Vilém Flusser geäußertes zentrales Missverständnis im allgemeinen Gebrauch fotografischer Bilder: “Sie [technische Bilder] sind aus einem seltsamen Grund schwer zu entziffern. Allem Anschein nach müssen sie nämlich gar nicht entziffert werden, da sich ihre Bedeutung scheinbar automatisch auf ihrer Oberfläche abbildet - ähnlich Fingerabdrücken, bei denen die Bedeutung (der Finger) die Ursache und das Bild (der Abdruck) die Folge ist. Die seitens der technischen Bilder scheinbar bedeutete Welt scheint ihre Ursache zu sein und sie selbst ein letztes Glied einer Kausalkette, die sie ohne Unterbrechung mit ihrer Bedeutung verbindet: Die Welt reflektiert Sonnen- und andere Strahlen, welche mittels optischer, chemischer und mechanischer Vorrichtungen auf empfindlichen Oberflächen festgehalten werden und als Resultat technische Bilder hervorbringen, das heißt, sie scheinen auf der gleichen Wirklichkeitsebene zu liegen wie ihre Bedeutung. Was man auf ihnen sieht, scheinen also nicht Symbole zu sein, die man entziffern müßte, sondern Symptome der Welt, durch welche hindurch diese, wenn auch indirekt, zu ersehen sei. Dieser scheinbar unsymbolische, objektive Charakter der technischen Bilder führt den Betrachter dazu, sie nicht als Bilder, sondern als Fenster anzusehen. Er traut ihnen wie seinen eigenen Augen.” Kurt Zapfel |